Regionalisierung an fränkischem Beispiel oder: Wenn das Ende der Wurst erreicht ist – Teil I

Natürlich verfügen Kleinstädte bis hin zu Metropole über jeweils eigene Besonderheiten hinsichtlich der Wirtschaft, des Tourismus etc, womit auch wieder die Regionalisierung, die in dieser Arbeit behandelt werden soll, in den Vordergrund rückt.

Einige der Punkte, an denen eine Regionalisierung erkennbar ist, wurden bereits grob angeschnitten. Hier sei zum einen der Sprachgebrauch zu nennen. Die Fülle an Dialekten scheint schier unerschöpflich. Wie in anderen Punkten, die für eine Regionalisierung stehen, ufern diese regional bedingten Eigenheiten über den zentralen Punkt hinaus und werden auch noch in angrenzenden Gegenden spürbar. Ebenso nehmen diese Aspekte auch auf „Zugezogene“ Einfluß.

Regionalisierung kann sich auf den wirtschaftlichen Sektor beziehen, wie etwa wiederum im Ruhrgebiet verdeutlich. Aufgrund der landschaftstechnischen Gegebenheiten, der Sitz von großen und marktprägenden Firmen, vorhandener Ressourcen ist in diesem Fall die regional bedingte Ausprägung des Stahl- und Kohlebaus vorrangig. In wieder anderen Regionen ist es in erster Linie der Tourismus, der aufgrund der örtlichen Gegebenheiten vorrangig aus wirtschaftlicher Sicht behandelt wird, man nehme allein die Skigebiete in Bayern, Erholungsparadiese an der Ost- und Nordsee. Dies sind allerdings wirtschaftliche Aspekte, die nur am Rande erwähnt werden sollen.

Stark verdeutlicht wird die Regionalisierung zum Beispiel durch ein vehementes Fan-Dasein, wieder am Beispiel Nürnbergs zu sehen. Egal ob es sich nun um den 1. FC Nürnberg oder die Eishockeymannschaft der Icetigers handelt – fast in jedem kleineren Lokal finden sich Fanschals, Pokale, Fanartikel aller Art, zur Untermauerung der Zugehörigkeit zur „eigenen Mannschaft“ artet dies auch ab und an aus, hier seien etwa die Nürnberger Ultras genannt.

Auch bezüglich des Sports schwingt ein gewisser „Nationalstolz“ mit. Noch wesentlich deutlicher und auch für Personen, die keine Sportanhänger sind, keine Urlaubsgebiete erkunden o.ä. macht sich die Regionalisierung doch durch eines immer sehr stark bemerkbar: Die Ernährung.

In den letzten Jahrzehnten bzw seit Ende des Zweiten Weltkrieges haben sich natürlich das Nahrungsangebot und das Angebot der Gerichte in Deutschland massiv erweitert. Zuwanderungen brachten neue Trends, neue Angebote – die eigene Kultur wurde erweitert, nicht mehr nur Fisch oder Braten, Klöße oder Spätzle finden sich nun in ansässigen Restaurants. Italienische, griechische Lokale, Balkan-Restaurants, Steakhäuser, Döner-Imbisse… all das findet sich überall zuhauf.

Nürnberger_BratwürsteNichtsdestotrotz spielen betont die Herkunft bei der Wahl des Restaurants, die gewohnten Gepflogenheiten wie etwa Familienessen im Biergarten xy mit Braten und Klößen auch bei jüngeren Einheimischen eine große Rolle, derartige Traditionen scheinen einfach ein Fixum darzustellen.

Auch die Auswahl, handelt es sich um einen kleinen Imbiß für den Hunger zwischendurch, wird beim Franken, in diesem Fall beim Nürnberger, eher auf ein „Bratwurschtweckla“ fallen denn auf einen Döner etwa.

Diese nahrungstechnische Treue zur eigenen Region lassen sich die Menschen ergo nicht durch die Erweiterung und großflächigeres Angebot nicht vollends nehmen und nutzen dies selbstredend auch massiv für den Tourismus.

Nahezu weltbekannt die Nürnberger Lebkuchen, Schöller-Eis wird aufgrund der ortsansässigkeit der Firma, die nebenbei bemerkt auch jene typische Lebkuchen herstellt, wird bevorzugt und bei bay´rischem Bier aus anderen Gegenden als der Fränkischen wird dankend abgelehnt.

Die Tatsache, daß neben den genannten Beispielen auch der verstärkte Kauf von regionalen Produkten stattfinde, wird ua. Auch damit erklärt, daß sich Menschen, die sich ihrer Region zugehörig fühlen, diese auch mit Nachdruck unterstützen wollen. Die Hersteller punkten durch das Ansprechen dieses Instinkts natürlich.

Doch um welchen Instinkt handelt es sich eigentlich, der hier angesprochen und geweckt bzw gefördert wird? Der Faktor des Zugehörigkeitsgefühls wurde bereits am Rand angesprochen und auch in diesem Fall verhält es sich so. Der Mensch an sich gilt in psychologisch betrachtet als soziales Wesen und dies wird in anhand des Beispiel der Regionalisierung auch sehr deutlich.
Produkte aus den eigenen Reihen werden bevorzugt, Gebräuche gepflegt und vor jenen anderer Kulturen und Regionen bevorzugt. Maßgeblich ist hierfür die Sicherheit, die das Gewohnte mit sich bringt. Menschen wollen sich zu etwas zugehörig fühlen, zu einer Gruppe, einer Familie, sie brauchen das Gefühl, Teil von etwas zu sein, das einen gewissen Schutz vor der Unsicherheit der Welt und Umgebung darstellt.

Als kleines Beispiel aus einem anderen Bereich: Im Sport ist oftmals die Rede von den Wirkungen von Heim- oder Auswärtsspiel – alles Fremde vermittelt Unsicherheit, Angreifbarkeit, eine Form des Ausgeliefertseins ohne jeglichen Rückhalt.

Nun stellt sich allerdings die Frage, warum gerade die Nahrungsaufnahme sehr massiv von regional bedingten Prägungen beeinflußt ist. Die Ernährung stellt einen der lebensnotwendigen Punkte des Lebens dar, ohne Nahrungszufuhr ist Leben schlicht nicht möglich. Zudem gilt es zu bedenken, daß jeder aufgrund seiner Herkunft von klein auf eine bestimmte Prägung erfährt, sei es durch das Elternhaus, die Familie im Allgemeinen, der dargebotenen Auswahl an Restaurants und Speisen… Gewohnheiten und auch landschaftstechnisch bedingte Nahrungsauswahl spielen eine große Rolle und werden über die Generationen weitergebenen.

Insofern vermittelt die Wiederholung des Verzehrs eben jener Speisen und die Betonung der Ernährungsauswahl ein gewisses Zuhause. Anekdoten wie zum Beispiel die des Unterschiedes der Nürnberger Bratwurst zu anderen Bratwürsten bleiben von Beginn an fest im Gehirn verankert und allein im Unbewußten kommen so beim Verzehr einer solchen mitunter auch die Erinnerungen an eine Zeit hoch, in der das Leben noch einfach, geborgen und sicher schien.

Es ist oftmals eine wahre Pracht zu beobachten wie massiv die Nürnberger dieses kleinen, eigentlich nichtig erscheinenden Aspekt an der Bratwurst betonen und sich richtig ins Zeug bei der Erklärung legen: Sie wird der historische Hintergrund angeführt, diese Form der Bratwurst wäre im Mittelalter und der Übergangszeit eben die einzige Möglichkeit gewesen, außerhalb der erlaubten Zeiten, noch Essen zu schmuggeln, da sie aufgrund ihrer exakt passenden Größe durch die Schlüssellöcher paßten und so nichts auffallen konnte.

Das bei vielen wöchentliche Bratenessen, auch wenn es längst nicht mehr im Rahmen der Familie stattfindet, gehört ebenfalls zum guten Ton. Typisch für den Nürnberger Raum ist hierbei die Wahl des sogenannten „Schäufeles“ mit (Kartoffel)Klößen („Kloß mit Soß´“). Dieses Gericht stellt schlicht eine bestimmte, für diese Region typische Zubereitungsform des Schweinefleisches dar, ebenso wie im Rest von Bayern der Schweinebraten oder die „Hax´n“ besonders beliebt sind – und als Gegenstück zur Brautwurst die Weißwurst mit Breze als Beilage. So lautet hier das Muß.

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