Rage – Gefahr gebannt oder: wenn alle so wären wie Metal-Fans, dann…

rage 4Man hat´s nicht immer leicht, aber leicht hat´s einen. Auf Peavy (Peter Wagner), Mastermind, Basser und Sänger von Rage trifft zum Zeitpunkt dieses Interviews beides zu: Die Husterei hat ihn und leicht hatte er es auch mal wieder in Sachen Line-up nicht. Aber eins nach dem anderen.

„Eigentlich waren wir am Werkeln für die kommende Platte (‚wir‘, das sind nun: Peavy, Klampfer Marcos Rodriguez und Vassilios „Lucky“ Maniatopoulos an den Schlagstöcken), aber im Moment liegt das Arbeiten im Studio aus gesundheitliche Gründen brach“, erzählt der Bronchitis geplagte Metaller. „Das hab ich mir mal selbst verordnet, also gammel ich auf dem Sofa rum und versuch, gesund zu werden.“ Eine neue EP steht für Ende Januar bereit und neben dem neuen Song „My Way“ auf Englisch und Spanisch wird´s mit „Sent By The Devil“ und „Black In Mind“ gleich zwei gute alte Bekannte vom gleichnamigen Album geben.

„Daß es diese beiden Songs geworden sind, die wir mit dem neuen Line-up neu auf die EP nehmen… zum einen stamme sie schlicht von der ersten Platte und zum anderen sind das unsere Faves.“ Und gerade da sieht man dann eigentlich auch, ob die „Neuen“ richtig dahinter stehen oder eventuell doch nur eine Ära von Rage mögen. „Line-up-Wechsel bleiben im Laufe der Jahre und bei einer Band nicht aus, aber ich hoffe ganz stark, daß wir nun unser finales Line-up zusammen haben. Die beiden Jungs, meine Herren, sie die viel jünger als ich, sind richtige und echte Fans, voll der Sache und so richtig drin. Klar bremsen solche Besetzungswechsel immer wieder, aber an sich bremst es noch mehr, wenn es in der Band nicht mehr stimmt und die Interessen etwa zu sehr auseinander driften.“

Und nachdem dies ein paar Mal bei Rage der Fall war und es zu Veränderungen kam, somit also Peavy die einzige Konstante für das Banner Rage ist, daß auch der Sound entsprechend sein Baby ist. Und den Hauptkern einer Band wirft man nicht einfach über Bord oder schlägt anderen zuliebe neue vollends neue Wege ein – wo rage neubliebe bitte das, was Rage dann für jeden darstellt? „Klar, ist der Sound von Rage auf mich zugeschnitten und das war nun auch bei der Auswahl zum Line-up eines der Grundkriterien. Die Jungs müssen in die gleiche Kerbe schlagen, sonst bringt das nichts. Mit Victor (Smolski) war das eben so eine Sache: Er ist solo-orientierter, wollte sich und seine Ideen verwirklichen. Was ja vollkommen okay ist. Aber das Rage-Typische war ihm dabei eher egal. Und ich sehe es nicht, Rage zu ändern.“

Wär sicher auch nicht unbedingt im Sinne der Fans. „Unsere Fans sind ja auch in einem gewissen Maß konservativ, die wollen Rage, wenn Rage drauf steht und darin die bestmögliche Stilistik. Dass mit Victor umzusetzen, wurde im Laufe der Zeit einfach immer schwieriger, er wollte immer mehr verändern, auch okay. Vielleicht dachte er auch wegen den Scheiben, die Rage mit Orchester gemacht haben, daß das nicht viel oder nichts am Stil ändern würde – es gab einfach keinen gemeinsamen Nenner mehr. Und ich wollte genau das vermeiden, daß wir krampfhaft ein Album zusammenbauen, daß jedem ein bißchen gerecht wird, aber eigentlich weder Fisch noch Fleisch ist. Ein Album, mit dem weder wir als Musiker, noch die Fans zufrieden gewesen wären. Also: Bevor man dann anhand einer Album technischen Totgeburt feststellt, daß das ganze Quatsch war, ändert man besser vorher etwas. Damit war die Gefahr gebannt, erst ein Flop-Album zur Erkenntnis vor Augen zu haben.“

Nicht nur zufrieden mit dem neuen Line-up ist Peavy, sogar eigentlich richtiggehend überrascht. „Ich wußte ja, daß die Jungs spielerisch gut sind, aber so gut? Logisch, Rage ist nicht Dream Theater, daher stehen bei uns auch andere Ansprüche im Vordergrund. Die beiden spielen echt auf hohem Niveau, fast zu gut für Rage“, sagt´s und schmunzelt. „Dadurch kann man aber auch leichter arbeiten.“ Dabei lag Peavy´s Hauptaugenmerk bei der Auswahl seiner Mitstreiter aber auch noch ganz woanders. „Der menschliche Aspekt ist mir wichtiger.“ Und der scheint ja nun zu stimmen. Zumal die beiden „Neuen“ es auch nicht drauf anlegen, an allen Ecken und Enden etwas zu beweisen. 2“s ist immer Frage, ob man drüber stehen kann. Zu wissen, was man kann – dann muß man sich auch nicht ständig beweisen. Manche Leute müssen sich eben ständig vergleichen, vor allem bezüglich Leistungen, aber das ist wohl ein allgemein sehr menschliches Ding. Marcos und Lucke wollen das nicht, die wollen einfach die Mucke machen, die sich auch schon als Kiddies geliebt haben und ihnen ist es egal, ob sie nun die tollsten Musiker der Welt sind. Sie wollen mit mir gemeinsam tolle Rage-Musik machen, eine gute Zeit haben.“

Und genau mit dieser Lockerheit kann man selbige dann auch den Zuhörern und Fans leichter vermitteln. „Die andere Sache ist natürlich, daß diese Form des unbeschwerten Spaßes im Laufe der Zeit, die man im Business unterwegs ist, verloren geht. Und den sollte man sich bewahren, das ist so viel wichtiger als vieles andere. Es ist vieles an der Musik nur noch zum Biz verkommen, daß es kaum noch Zwischenmenschliches gibt. Manche Fans merken das aber teilweise gar nicht mehr, welche Kälte da herrschen kann bzw herrscht, ich persönlich finde es anders besser.“ Mit den beiden frisch gewonnenen Ragern kam auch noch etwas für Peavy dazu: „Ich hab ganz klar auch wieder neuen Spaß. Und ehrlich: Eigentlich gibt´s ja nichts Schöneres als so einen Job als Heavy Metal-Musiker.“rage 3

Dabei hat Peavy auch eine Aussage eines Klarinettisten mitbekommen: „Dieser meinte, Musik sei geistige Nahrung. Ich fand en Vergleich schön. Insofern sind wir ja dann Erzeuger von Nahrung, hehe. Dabei gibt´s halt auch Guts und Fast Food. Leider auch im Metal. Und ich denke, ein echter Fan merkt den Unterschied. Logisch, gibt ja auch die Fans, denen das Saufen und Party-Machen bei einem Festival wichtiger ist als die Mucke selbst…“ Oder das Sich-in-Selbstmitleid-Suhlen bei manchen Songtexten (‚wahaha, das hab ich auch schon erlebt‘) – da grenzt das Fan-Dasein schon eher an´s Selbst-Darstellung. Aber von diesen Fans sprechen wir nicht. Vor allem nicht, als Peavy eine Lanze für die Metalheads bricht.

„Metal-Fans sind herzensgute Menschen. Wenn alle Leute in Deutschland so wären, wär vieles besser. Wenn aber Fans auch mit einigen Aussagen an einen herantreten, merkt man oft erst, welche Verantwortung man eigentlich auch hat. Wenn sie einem erzählen, wie und warum ein bestimmter Song für sie einen Wendepunkt eingeläutet hat oder von Suizid abgehalten hat. Klar, man weiß nie, was alles stimmt, aber… vielleicht übertreiben manche, aber da schluckt man schon erstmal gewaltig. Musik hat eine Mega-Macht.“

Und daher ist man nicht nur Musiker als Musiker, sondern… „ich bin ja auch Fan. Jeder hat so seinen eigenen Lebens-Soundtrack, ich ebenso. Aufwühlende Zeiten usw. Und es ist sagenhaft, wieviel Energie in so einer Konserve (CD) stecken kann. Andererseits kann es natürlich auch die Dose bzw Box er Pandora sein: Es kann alles Mögliche drin stecken.“ Schdae findet Peavy die Entwicklung, die so allgemein die Musik ins Hintertreffen geraten läßt. „Die Kids werden doch gar nicht mehr wirklich an Musik herangeführt. Wie wollen sie da Verständnis entwickeln? Es werden kaum mehr früh Instrumente beigebracht, womit man auch einen Zugang und Verständnis entwickeln kann. Davon gibt´s ja schon ganze Generationen, weil die Eltern das alles schon nicht mehr weiter gegeben haben. Da kommen dann Leute raus, die nur dieses Elektro-Gedings hören und alles andere ist ihnen fremd.“

Apropos Elektro – irgendwo hab ich mal gelesen, daß DJ Bobo ein riesen rage-Fan sei. „Es mag ja auch sein, daß das ein ganz toller Musiker an sich ist, Bohlen sicher auch. Sie machen eben aber einfach Musik für die unkritische Masse. Modern Talking ist auch Musik. Furchtbare Musik halt. Aber alles, was Musik an sich ausmacht, fehlt heute fast gänzlich schon im Ansatz. Wo bleiben da oft Melodie, Rhythmus usw…? Das ist meistens einfach Geräusche-Geklapper, das jeder am PC zusammenschrauben kann – und die Kids halten das dann für Musik. Klar, daß dann echte Musikm in deren Augen erstmal volle Kanne scheiße ist. Und da muß man ja nicht gleich mit Heavy Metal anfangen. Wenn die wirklich begreifen würden, was da passiert, wäre das ganz was anderes. Dazu muß man sich aber eben erst damit beschäftigen.“

Da muß zum Thema des heutigen Musik-Unterrichts auch nimmer viel sagen… Wo sich ein Lehrer damit herum ärgerte, unsereins die Kirchentonarten uns den Quintenzirkel einzutöpfern, kam die Nächste an und ließ einen Volks-Zeugs tanzen!! „Wo wird denn Musik heute noch wirklich gelehrt? Allgemein, wo herrscht an den Schulen heute noch tiefer greifende Bildung? Ich stamme aus einem Elternhaus mit zwei Lehrern, meine Frau ist Lehrerin – ich kann also die Frage beantworten, was da passiert: Nix! War das da Pädagogik-Ziel? So gemacht, daß man auch en letzten Voll-Idioten und Massenverweigerer mitziehen kann. Vielleicht sollte das Ganze gezielter aufgebaut sein. Gut, die brutale Pädagogik aus den 60ern muß es ja jetzt auch nicht unbedingt sein, aber man kann auch nicht alles über einen Kamm scheren.“

Dabei gesteht Peavy, daß er auch seinerzeit durchs Raster gefallen war. „ Ich kam einfach mit dem System nicht klar und es hat ich auch keiner damit beschäftigt, wie man mich Jung´ nun mal dafür öffnen könnte. Mit 15 bin ich dann ohne Abschluß aus der Schule rausgeflogen. Heute wollen die Eltern auch gern alles abschieben, die Korrespondenz zwischen Eltern und Lehrern ist nicht mehr das, was es mal war. Es hat kaum einer noch die Zeit, sich mit jemand anderen zu beschäftigen, in diesem Fall die Kinder bzw Schüler.“ Und wie ging´s bei Peavy selbst denn weiter?

rage 2„Naja, ich stand da ohne Abschluß – meine Mutter kannte einen Gärtner, dem sie ihr Leid über mich geklagt hatte. Der faßt sich ein Herz und wollte lediglich irgendeinen Wisch von der Schule. Ein bißchen Durchblick hatte ich da dann doch schon, aber…“ macht ´ne Pause und kichert. „Wie man halt so in dem Alter ist. Ich war mir des Ernsts des Lebens schon bewußt und dachte so bei mir ‚bis das dann mit der Musiker-Karriere klappt, nimmste das halt mit.‘ Ich war ja damals schon auf dem Trip, daß ich nur Musik machen wollte. Ich sah das so als Übergang zu meiner Karriere, hehe. Bei mir kamen schon viele glückliche Zufälle zusammen.“

Und wenn man´s genau nimmt… „bin ich eigentlich der volle Oldschool-Dinosaurier. Weil ich einfach mit der Art von Leben, wie ich es führe; glücklich bin und daran schon seit an die 30 Jahren nichts wirklich geändert hab. Ich glaub, ich war schon immer oldschool.“ Mit der Lunge als körpereigene Säuberungsstation, wie er noch lachend anmerkt. Die war auch schon immer oldschool mäßig im Arsch. EV

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