Grave Digger – Von wegen früher war alles besser: Axel Ritt über Geschmiere und andere Nüchternheiten

grave 2Wie Ihr schon mitbekommen haben dürfte, haben sich Grave Digger mit „Exhumination“ aufgemacht, der Metal-Welt zu ihrem Jubiläum noch einmal mit Schmankerls vergangener Tage in neuem Gewand neu einzuheizen. Und das Herrliche dabei: Setzen andere Künstler bei Best-ofs oder sonstigen Zusammenstellungen meist schlicht auf Nummer Sicher in Sachen Songauswahl, kann zum einen bei Grave Digger in dieser Hinsicht so gut wie nichts schief gehen und andererseits wurde sich auch nicht auf die immer selben Klassiker verlassen, wie man dies bei so manch anderen zweiten und dritten Best-ofs, Neuauflagen bla blubb, leider oft kredenzt bekommt.

Dabei war es an Sänger und Mastermind Chris Boltendahl, das Material zusammenzustellen, ist er doch an sich der einzige, der von Anfang bis heute noch dabei ist. SO dürfte für ihn der ganze Prozeß dieses Albums vielleicht auch ein wenig persönlicher gewesen sein als für die anderen, wie Flitzefinger Axel Ritt anmerkt: „Da Chris das letzte Mitglied der Erstbesetzung ist, hat er auch die Songauswahl getroffen. Er hat mit Sicherheit die eine oder andere besondere Beziehung zu den Titeln, aber für den Rest der Band war es ein nüchterner Prozess im Sinne von ‚was kann man maximal aus dem Song herausholen‘. Es lief immer nach dem gleichen Muster ab. Chris sagte mir, er möchte gerne diesen oder jenen Song neu aufnehmen und ich habe mir dann Gedanken bzgl. des Arrangements gemacht. Dabei kamen dann schon ein paar Ergänzungen zum Tragen oder aber wie bei ‚Stand Up And Rock‘ im Prinzip ein komplett neuer Song.“

Er selbst vertritt die Einstellung, sich dabei durchaus dafür offen zu halten, was die Leute haben wollen – gemäß dem Motto: ‚Wenn eben CDs, LPs, Digipacks und alle möglichen Variationen gefragt sind, bitteschön.‘ Entscheiden kann man als mündiger Käufer selbst. Und würde man es jedem Recht machen wollen… Autsch.

„Ich sage immer ‚give the people what they want‘. Es gibt zwei Arten von Musikkäufern. Der eine kauft sich die Musik nur wegen der Musik, ihm sind Verpackung, Booklets etc. völlig egal, der andere hat eine besonders haptische Beziehung zu seinen Alben und freut sich über eine große Auswahl an Produkten. Wir richten uns mit unseren Alben primär an den zweiten Typ und bieten immer eine reichhaltige limitierte Auswahl für Sammler.“ Dabei spricht Axel aber auch ganz deutlich an, was so ‚tolle‘ Sachen wie etwa Rapidshare etc für ‚Nebenwirkungen‘ mit sich bringen. Da helfen auch x Versionen einer Plate nichts.

„Den Schaden, den früher Download Server wie Rapidshare oder heute Streaming Portale wie Spotify anrichten, ist damit aber nicht zu decken. Wir haben das Glück, die letzten zu sein, welche noch für und von der Musik leben können, aber 90% aller Künstler betreiben ihre Musik nur noch als Nebenbeschäftigung, wenn sie Glück haben, kostendeckend. Und dabei beziehe ich mich auf Kollegen die z.T. in den Top 10 der Media Control Charts zu finden sind. Die nächste grave 3Generation an Musikern wird bis auf ganz, ganz wenige Ausnahmen ihre Leidenschaft nur noch als Hobby betreiben können. Musik ist zu einem Konsumgut ohne Wert verkommen und wird sich auch nie mehr davon erholen“, sieht Axel die Sache zynisch-nüchtern du alles andere als positiv.

Der „Larifari“-Umgang mit Musik manchmal, also teils wirklich geringe Wertschätzung der ganzen Mühe und des Herzbluts, da in einem Album steckt, seitens der Verbraucher… die Gründe dafür können ja vielfältig sein. Massenabfertigung via DSDS, die Musik als etwas hinstellen, womit man ebenso schnell nebenbei eh ganz groß rauskommen kann, Chart-Platzierungs-Mauscheleien etc. Manche merken wiederum an, die Musiker-Szene an sich sei nicht mehr derart authentisch wie es einmal war…

„Ich persönlich bin absolut kein Freund von der ‚früher war alles besser‘ These. Ein Scheiß war es! Es war nur dann besser, wenn du eine Mindestgröße erreicht hattest, dann konnte man es auf Grund des klar definierten Medienangebotes noch zum Multimillionär schaffen, oder anders gesagt, einmal die Entscheidungsträger im ZDF schmieren, in ‚Wetten dass‘ auftreten und deine Karriere war gesichert. Heute produziert sich jeder selbst, brauch dank Garageband und Co. keinerlei Ausbildung oder Vorkenntnis in Sachen Musik und müllt den Markt zusammen mit Millionen anderen ‚Produzenten‘ mit zusammen geklebten Schnipseln von Klangfragmenten zu.“

Hossa, da kommt aber jemand gewaltig in Fahrt. „Die wenigen Ausnahmetalente, welche über viele Jahre hart an ihren Fähigkeiten gearbeitet haben, haben dadurch keine Chance mehr, sich in der Flut der Soundkollagen zu etablieren und verschwinden nach ihrer 5-Minuten-Karriere wieder von der Bildfläche. Die Demütigung in der Branche hat auf jeden Fall massiv zugenommen. Aber der Käufer will es ja nicht anders, es ist wie in der Politik. Jeder bekommt die Regierung, die er verdient hat.“

Anfang 2017 soll das neue Grave Digger-Album erscheinen – dann schauen wir mal, was wir verdient haben 😉

„Für mich ist es wichtig, sich im Songwriting nicht zu wiederholen und dennoch dem klar definierten Grave Digger-Style treu zu bleiben. Das ist viel schwerer als man glaubt, es sein denn, man ist AC/DC. Die dürfen seit 20 Jahren immer wieder die gleichen 10 Songs schreiben und alle finden es großartig.“ Gerade fernab des Mainstream werden manche Musikrichtungen ja gern belächelt. Ich meine damit nicht nur, daß sie eben nicht ins Geschmacksschema von A oder B passen, sondern werden nicht sonderlich ernst genommen und da fragt man sich oft, was so manche Kritiker auf ihrem Platz eigentlich verloren haben.

„Um einen Job ernster zu machen, muss man ja erst einmal einen Job gelernt haben. Wenn du z.B. physikalische Grundlagenforschung beurteilen möchtest, musst du selber Physiker sein. Wenn jemand also z.B. eine Komposition kritisiert, muss er selber Komponist sein um es beurteilen zu können. Zu Musik hat halt jeder eine Meinung, aber nur sehr wenige haben die Fachkenntnis es bewerten zu können, respektive dürfen. Mir sind Kritiker generell völlig egal, mich interessiert ausschließlich die Meinungen der Fans, die unsere Alben kaufen oder zu unseren Konzerten kommen.“ Aber auch da gibt es Grenzen, besonders wenn es um die viel zitierte Schuld von Künstler an X oder Y geht, findet Axel.grave 1

„, Ja, das ist ein schwieriges Thema, da extrem vielschichtig. Menschen haben immer gerne einen Verantwortlichen, der für alles einstehen muss, was in die Hose geht und sich im Gegenzug auch im Erfolg sonnen darf. Nur dafür hat man die Position des Chefs eingeführt. Meines Erachtens ist jeder Mensch für sich selber ganz alleine verantwortlich. Wenn ihm etwas nicht passt, kann er sich ändern. Ändere dich und dein Umfeld ändert sich mit dir. Ich glaube schon, dass viele Künstler einfach nur ihrer Leidenschaft nachgehen und dafür geschätzt werden möchten. Sie wären mit weiter führenden Verantwortung völlig überfordert und es ist auch nicht ihre Aufgabe, nur weil sie die Projektionsfläche des Fans sind.“

Und schließlich will man eigentlich doch auch nur in Ruhe sein Ding machen und hat damit schon genug zu tun. „Um seine Kreativität auszuschöpfen muss man sich als Künstler in der Tat in eine Art Parallelwelt begeben. Ich selber bin während des Songwritings kaum ansprechbar und verbanne die gesamte Ratio für diesen Zeitraum aus meinem Kopf, sonst kommen nur minderwertige Songs dabei raus. Wenn man das Ganze allerdings ‚an den Mann‘ bringen möchte, muss man sich auch mit den unangenehmen Seiten des Business auseinander setzen, oder aber man unterschreibt katastrophale Knebelverträge, die einen bis aufs Blut ausbeuten, alles Fehler, die wir alle schon gemacht haben.

Die moderne Technik bietet heutzutage alle Möglichkeiten, so viel wie möglich selber in die Hand zu nehmen. Das ist dreckige, miese, Glamour-freie Arbeit, die keiner gerne macht, aber sie macht dich autark. Frei nach dem Motto:

It’s a dirty job, but someone has to do it.”

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.