Foltergeschichten – Geschichte (nur) von gestern?

Spricht man über Südamerika ist auch der Vergleich mit Nordamerika nicht fern und insbesondere die Vereinigten Weltpolizisten von Amerika geraten in jüngster Zeit – mal wieder – ins Kreuzfeuer der Kritik. Scheinbar existiert für die USA im Gefangenenlager Guantanamo Bay ein rechtsfreier Raum, anders lassen sich die dortigen Vorgänge kaum erklären. Von sensorischer Deprivation (dies bezeichnet die gezielte längerfristige Abschottung eines oder mehrerer Sinneseindrücke) über beiläufige Gewalt bis hin zu Scheinhinrichtungen reichen die Erfahrungsberichte ehemaliger Häftlinge, wobei diese seitens der USA als natürlich als Gerüchte dargestellt werden.

Erwiesen sind nun jedoch (darf man da sagen glücklicherweise?) die Folterskandale im von Amerikanern administrierten irakischen Gefängnis Abu Ghraib, deren Existenz somit nicht mehr zu leugnen ist. Selbstverständlich sind dies laut Aussage des US-Militärs die Taten Einzelner und wurden niemals von höchster Stelle angeordnet – allein der Glaube daran fehlt, insbesondere wenn Donald Rumsfeld folter 6nicht einmal vor Gericht aussagen muss. So kann man dem Füh..ehh der Regierung schließlich auch viel leichter zujubeln, die USA sind ja in aller Welt für ihre Raison, ihren freundlichen Umgangston gegenüber anderen Ländern und ihre Freiheitsideale. Zwar ist der Unterschied zwischen Rebellen und Freiheitskämpfern einzig der, auf welcher Seite man steht, aber das ist ja nebensächlich solange die Fahnen wehen, die Menschen blind ihrem Anführer folgen und die eigene Sichtweise als die einzig mögliche dargestellt wird – jetzt inklusive Gotteshilfe von der ein gewisser amerikanischer Präsident ja so gerne spricht. Erinnert das eigentlich nur mich an eine noch nicht all zu ferne Vergangenheit?

Allerdings ist der Terror der Folter noch in vielen anderen Ländern vertreten, laut Amnesty International sogar in 132 Ländern dieser Erde (Stand: 2003, Tendenz zum Vorjahr steigend) – von Ruanda bis Spanien, von Ungarn bis Deutschland. Mag es sich in manchen dieser Länder tatsächlich um einige sehr wenige Fälle gehandelt haben, so bleiben immer noch 47 Staaten in denen Menschen außerhalb der Gerichtsbarkeit hingerichtet wurden, in 58 Staaten wurden Menschen ohne Anklage oder Verfahren festgenommen und in mehr als 20 Staaten „verschwinden“ Menschen einfach (und das ganz ohne Magier). Die Folter ist also so aktuell wie eh und je – und diskutierten wir in Deutschland nicht unlängst erst über die Legitimation von Folter? Im dritten Jahrtausend seit wir mit systematischer Nächstenliebe, Toleranz und so begannen?

Es ist noch nicht lange her, da erschütterte der Entführungsfall Metzler die Bundesrepublik, in dessen Verlauf der Frankfurter Vizepolizeipräsident Daschner anordnete dem Verhöropfer notfalls mit „massiver Schmerzzufügung“ zu drohen. Nun könnte man denken, dass wir nach mittlerweile über 4.000 Jahren Foltergeschichte gleich beherzt unserer Kritik Luft machten oder gar entsetzt aufspringen würden. Tatsächlich war das auch der Fall – teilweise. Ein anderer Teil hingegen schien sich nach dem alten bizarren Theaterstück Folter zu sehnen und zog ernstlich in Erwägung, die Folter in bestimmten „Extremsituationen“ wieder zu legitimieren. Wenn wir heute jedoch wieder die Folterung in „extremen Fällen“ erlauben würden – da wären wir wieder mittendrin im dramaturgischen Höhepunkt des Stücks, dem Mittelalter. Doch sobald wir beginnen Gruppierungen auszugrenzen oder Menschen in „extremen Fällen“ zu entwürdigen und zu quälen, schließen wir auch einen noch weit gefährlicheren, verhängnisvolleren Bogen – nämlich den zu unserem dunkelsten Kapitel.

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