Foltergeschichten – Geschichte (nur) von gestern?

Genau dieses römische Rechtssystem sollte seinen Weg in das Mittelalter finden, zum Einen durch das Kirchenrecht („Ecclesia vivit lege romana“ – die Kirche lebt nach römischem Recht) da das Zentrum der christlichen Religion Rom war, zum Anderen aber auch durch die Rezeption. War das Rechtssystem Deutschlands im Mittelalter noch durch ein nur teilweise schriftlich festgelegtes Gewohnheitsrecht definiert, so führte die Wiederentdeckung der Niederschriften einer großen römischen Rechtssammlung aus dem sechsten Jahrhundert bald dazu, dass das dort beschriebene Rechtssystem wieder aufgenommen wurde. folter 3Man war der Ansicht, dass dieses Rechtssystem mit seiner über tausendjährigen Entwicklungsgeschichte besonders fortschrittlich wäre und über italienische Hochschulen, zu denen bald unter Anderem deutsche Studenten gesandt wurden, verbreitete sich die alte römische Rechtspraxis auch in Deutschland rasch. Es war Zeit für die dritte Folge unserer beliebten Sendung „Gewalt im Gericht – Viva Roma“.

Das heute oftmals viel zu sehr romantisierte Mittelalter war in Wirklichkeit ein raues Zeitalter und vielerorts litten selbst Ritter, die ja zumeist Adelige waren, Hunger und schlossen sich zu marodierenden Gruppen zusammen. Auch die Diebe und Bettler bildeten Netzwerke die teilweise erstaunlich gut organisiert waren, durchaus vergleichbar mit modernen Geheimdiensten. So griff die beiläufige Gewalt des Mittelalters bald um sich und Fremde galten häufig als potentielle Bedrohung. Es war nicht unüblich, dass ein vermeintlicher Räuber kurz und bündig erschlagen wurde oder dass es zu Raubüberfällen auf den Strassen kam. Dies nahm soweit zu, dass es den Handel ganzer Städte bedrohte und sich das Rechtssystem somit genötigt sah hart durchzugreifen. Nun war die Bühne bereit für die berühmt-berüchtigten Inquisitionsprozesse, frisch importiert aus Italiens Kirche.

Zwar ist es ein Irrglaube, dass nur das Geständnis damals als Beweis vor Gericht akzeptiert wurde (auch zwei ehrbare Augenzeugen genügten völlig), trotzdem wurde das, zumeist durch Folter oder Folterandrohung erlangte, Geständnis zur Schlüsselfigur vor Gericht. Besonders die Kirche, deren Macht immer weiter wuchs und teilweise bereits außerhalb des Gesetzes stand, erfand nun eine Vielzahl neuer Foltermethoden. Anscheinend war diese christliche Religion der Toleranz, des friedlichen Miteinanders und der Wertschätzung des Lebens genau dann unnütz wenn es gegen die bösen Andersgläubigen ging oder Leute mit roten Haaren, Skeptiker, Kräuterkundige, Homosexuelle – ach was soll’s, einfach drauflos. Das war ja immer schon ein sicheres Zeichen für Zivilisation, Christlichkeit und Nächstenliebe: wenn niemand mehr übrig ist, gegen den man Groll hegen könnte, hat man automatisch Frieden geschaffen – nicht umsonst finden sich schon in alten christlichen Schriften Aufrufe dazu, das in der Antike so lasterhafte Rom zu entzünden und von diesem Feuer hatte man noch längst nicht alles verbraucht über die Jahrhunderte. Das meiste hatte man sich in der Tat aufgespart und jetzt war es Zeit mal wieder jemanden so richtig zu „verchristlichen“.

Nachdem Papst Innozenz der IV. bereits 1252 dazu aufgerufen hatte Ketzern und solchen, die diesbezüglich auch nur verdächtigt wurden, ein Geständnis notfalls mit der Folter abzuringen, kam es 1321 zu den ersten belegten Folterfällen im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen. Die Laien (lies: Ketzer und Verdächtige), die Direktoren und Dirigenten (das Gericht) sowie die Schauspieler (die Folterknechte) waren anwesend, der Pöbel lechzte nach Blut und das Theater konnte beginnen.

So entstand vornehmlich durch die Kreativität der Geistlichen und diverser sadistischer Eiferer eine Vielzahl an Foltermethoden und das Mittelalter sollte auf unzählige Jahre hin einzigartig in seinem Sadismus und seiner damit verbundenen Kreativität bleiben und gar unübertroffen in der Vielfalt seiner Folterpraktiken. In dieses Kolloquium der Grausamkeiten wird nun ein kleiner Einblick gewährt um das Ausmaß des Schreckens lebendig werden zu lassen..

Grundsätzlich muss man drei Arten der Folter unterscheiden – die Ehrenstrafen, die Folter ohne tödliche Absichten und die Folter mit tödlichen Absichten. Unter die Ehrenstrafen fielen beispielsweise die Schandmaske, der Pranger und dessen erweiterte Variation: der Fasspranger. Bei der Schandmaske handelte es sich meist um eine in leuchtender Farbe gehaltene betont lächerlich wirkende Schnürmaske die verhinderte, dass das Opfer sprechen konnte um somit sein Vergehen bildhaft darzustellen – beispielsweise Diffamierungen oder Lügen. Ein Pranger war ein zweiteiliges Holzgerüst mit Aussparungen für den Kopf in der Mitte und für die Arme rechts beziehungsweise links davon. Nun wurde der Delinquent auf solche Weise darin befestigt und der Pranger wurde zugeklappt, so dass der Geächtete weder Kopf noch Arme frei bewegen konnte, zudem wurde das Opfer an den Füssen festgekettet und so beispielsweise auf dem Marktplatz öffentlich zur Schau gestellt – meist mit der Aufforderung an das Publikum das Opfer mit faulem Gemüse zu bewerfen oder ungestraft zu denunzieren. Eine schärfere Variante dieses Prangers war dann der sogenannte Fasspranger bei dem das Opfer zusätzlich in einem mit Urin, Kot, faulem Wasser und schimmeligem Gemüse gefüllten Fass stand und das Publikum animiert wurde das Opfer nach Herzenslust zu beschimpfen und mit kleinen Messern zu verletzen. Durch die katastrophalen hygienischen Zustände im Mittelalter war dies oftmals eine Foltermethode mit ungewissem Ausgang.

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