Der Umgang mit der Angst – ein Esssay

„Den ärgsten Feind findet man immer dort, wo man ihn zuletzt erwartet“ (Julius Caesar)

Manche kennen dieses unsäglich grauenhafte Gefühl beim Aufwachen. Den Kopf im vollgesabberten Kissen, fahlen Geschmack im Mund, der Kopf dröhnt, aber jeglicher Versuch, sich nochmal umzudrehen um dieses Panikgefühl weg zu schlafen, ist sowieso zum Scheitern verurteilt.

angstDraußen hämmern die Bauarbeiter wieder an irgendeiner Baustelle rum – man schiebt das Pochen in seinem Kopf mal wieder darauf – der letzte Gin kann´s nicht gewesen sein. Erstmal Katzenwäsche, der chaotische Schreibtisch kann warten. Es wird mit Sicherheit wieder einer dieser einsamen Tage, an denen man nichtsnutzig grübelt und sich dabei ein Gläschen nach dem anderen genehmigt.

Wieso einsam? Liegt ja wohl auf der Hand. Niemand wird reinschneien oder anrufen. Ganz einfach. ´Geh halt raus´, schießt es durch den Kopf. ‚Warum sollte ich? ´ lautet die Gegenfrage. Warum so sicher, dass niemand vorbeischauen wird und warum nicht selbst die Initiative ergreifen? Besser an den besten Freund und seine kleinen Freunde, auch Zigaretten genannt, halten und sich verbunkern. Ja, richtig erkannt, Schneckenhaus lässt grüßen. Am besten von zu Hause aus arbeiten und nicht mehr vor die Tür.

Außer es muss sein. Lieber verlottern. Wartend auf… Mit der Arbeit auch den Mut ver-loren. Mit der Existenz die Perspektive. Die sogenannten besten Freunde, die einen rui-nieren. Und es genießen. Die Gründe? Vielleicht war es Langeweile, vielleicht Neid, vielleicht auch die Angst, im Schatten zu stehen. Besonders das ist etwas ganz Spezielles, die Angst bei Menschen, ständig zu kurz zu kommen.

Was daraus entspringt, kann vielfältig sein und Angst oder Unsicherheit werden mit Hass, Gewalt oder ähnlichem unterdrückt. Wie oft hat nun wohl der Nachbarn ein Stockwerk höher Angst vor seiner Frau, ihrer Courage, ihren Erfolg? Und sie im Ge-genzug vor seinen Schlägen. So zieht der Kreislauf der Angst seine Bahnen. Ob Angst nun begründet ist oder nicht. Für das deutsche Volk wurde hier sogar eigens ein Begriff gefunden: German Angst.

Gemeint ist damit die Neigung der Deutschen zur Zögerlichkeit, der ständigen Vermu-tung, es sei etwas im Busch – ein ständiger Argwohn. Nun, nicht verwunderlich, be-denkt man die Geschichte. Doch gerade auch die Geschichte der Serienmörder hierzu-lande ist es, die in diese German Angst mit rein spielt: Der Sandmann, der Kannibale von Rothenburg… Besonders der cineastische Bereich findet in dieser Thematik immer wieder ein willkommenes Thema.

Das Spiel mit der Angst, ein besonderer Reiz. Für manche gar, wenn es sich um die eigene Angst dreht. Nachdem man vom Pferd gefallen ist, soll man sofort wieder auf-steigen. Natürlich. Auf der Stelle, vor allem wenn jegliches Vertrauen dahin ist, sich soziale Angst etwa breit gemacht hat. Zu lange geglaubt, zu lange vertraut, auf Verän-derung gehofft. Ganz großartig ist es dann, wenn Veränderungen eintreten, zum Bei-spiel in Form von einem Brief.
Der einem in schönstem Amtsdeutsch mitteilt, welches Fiasko in Begriff ist, auf einen einzuprasseln. Dinge, denen man nicht Herr werden kann. Keine Lösung, keinen Ansatz, der Kopf dreht sich. Angriff oder Flucht – und während man sich diese Frage selbst stellt, wurde sich längst für die Vogel-Strauß-Methode entschieden. Ignorieren funktioniert sicher bestens. Mit der Höhenangst klappt das ja auch. Einfach auf Nummer Sicher gehen und eventuelle Stresssituationen vermeiden.

Schuld hat sowieso der Bademeister daran, der einen gezwungen hat, als Sechsjähriger vom 10-Meter-Turm zu springen. Das muss das Umfeld doch verstehen. Das Trauma beherrscht so manchen Moment im Leben. Im Kleinen wie im Großen hinterlassen sol-che Momente ihre Spuren. Wie sie zu lesen sind, ist eine andere Frage, die sich die meisten versuchen, nicht zu stellen.

Im Ende müsste man noch ehrlich zu sich selbst sein, sich vielleicht tiefgreifend und intensiv mit einem schmerzhaften Thema auseinander setzen. Und vielleicht selbst ein gewissen Hang zur Übertreibung festzustellen. Klasse Idee, vor allem macht man sich am Ende dann doch nur lächerlich. Verletzlichkeit vermeiden, Normen entsprechen – ein Indianer weint nicht. Und was, wenn man ein Trauma überwindet? Wer bemitleidet einen noch? Wer schenkt einem Aufmerksamkeit?

Schließlich ganz nicht jeder mit einem schönen Gesicht, feinzüngigen Humor, einer gesunden Portion Intelligenz und Cleverness glänzen. Mangelt es auch noch an Geld, muss zu anderen Mitteln gegriffen werden, will man nicht in der Masse untergehen. Zu gern lässt man sich auch dominieren, lieber negative Zuwendung als gar keine.

Sätze wie jener über die kleinen, bunten Scheibchen können sie auch nicht nehmen: Die Angst vor der Mittellosigkeit. „Dieser Planet (die Erde) hat – oder besser gesagt, hatte ein Problem: Die meisten seine Bewohner waren fast immer unglücklich. Zur Lösung dieses Problems wurden viele Vorschläge gemacht, aber die drehten sich meistens um das Hin und Her kleiner bedruckter Scheine, und das ist einfach drollig, weil es im Gr-ßen und Ganzen ja nicht die kleinen bedruckten Papierscheinchen waren, die sich un-glücklich fühlten.“

Die kleinen bedruckten Papierscheinchen haben auch keine Angst davor, zu wenige zu sein. Doch den Mensch dominiert diese Angst sehr. Arbeiten, ackern, sparen… Nie wieder Zeiten, in denen man nicht wusste, wie man am nächsten Tag Essen auf den Tisch bekommen soll. Keine Zustände mehr wie zu Nachkriegszeiten und der Mensch hortet die Einkaufswägen voll bis sie bersten.

Die Raffgier aus Angst vor Armut macht sich breit, ein Stachel in jedermanns Kopf, egal welcher Nationalität. Nie wieder arm sein, angreifbar sein – wer mächtig ist, ist unantastbar, unzerstörbar. Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste, Angriff die beste Verteidigung. Da ist es doch logisch, andere Länder, Sitten und Gebräuche zu bekämp-fen, bevor diese Menschen auf die Idee kommen, anzugreifen. Aktion ist besser als Reaktion.

Dies gilt natürlich auch für den medizinischen Bereich – mag die Angst einerseits vorm Zahnarzt noch so groß sein, wieder andere scheinen keine anderen Hobbies zu haben, als von Arzt zu Arzt zu gehen und sich quer durch die Krankheitslexika untersuchen zu lassen. Besonders gefürchtet, natürlich selbstredend entsprechend abgewertet: Psychologen und Psychiater.

„Im meinem Kopf stochert niemand rum – außerdem sind das sowieso Quacksalber“ – ja was nun? Seit wann können Quacksalber so mächtig sein, sich Zugang in einen fremden Kopf zu verschaffen. Angst getarnt durch Überheblichkeit, ein gern gesehener Gast.

Lieber leiden denn handeln. Doch was soll´s, das Leben hat einem schon oft genug die eigenen Grenzen aufgezeigt, das Elternhaus deutlich gemacht, welch ein Versager man ist. Das wird sich nie ändern, selbst wenn noch so schuftet, sich bis zum Burn-out schindet. Man hat wieder mal versagt, aber das scheint man wenigstens gut zu können. So verbringt man seine Zeit damit, in guten Momenten einem Phantom nachzujagen, unnütze Luftschlösser zu bauen, fast manische Phasen zu durchleben. In schlechten Phasen ist Einigeln angesagt – gemeinsam mit den Kumpels, Gin und Kippe. Bis dass der Tod sie scheiden möge.

Isolation, Argwohn, Paranoia, nur nicht geizen. Wird ein Tier in die Ecke gedrängt, beißt es schließlich auch – manche werden aggressiv, andere verkriechen sich, wenn sie verletzt sind. Wieder andere verdingen sich in der Kunst, geben ihren Ängsten einen Namen, einen Charakter, eine Geschichte. Wie etwa Stephen King, der seine Leserschaft mit weiter über sechzig Roman und teils verfilmten Stoffen in Atem hielt.

Die Kunst ist ein wunderbares Pflaster für Gefühle – und ist laut dem Rockmusiker Stephan Weidner Angst denn nicht nur ein Gefühl, wie im gleichnamigen Song vertont? Na, Künstler müssen es schließlich wissen und so nimmt man auch solche Bilder oftmals als Rechtfertigung für kaltes, emotionsloses Übergehen, das man sich als „Kopf-hoch“-Mentalität einredet – man hat den Spagat zwischen sich selbst Mut machen und dabei die Kontrolle nicht an die Angst zu verlieren nicht geschafft.

Das Verhalten beeinflusst sie längst.
Gelassenheit ist etwas für Kinder, unbedarft und unschuldig, und es gilt sie früh genug zu warnen. Schließlich sollen sich ja nicht ins offene Messer laufen. Also wird ihnen haar klein gesagt, warum sie vor was Angst haben, was sie meiden müssen. Statt der Ermahnung zur Vorsicht und Erfahrungen wird pure Angst weitergegeben. Und dann wird sich gewundert, warum der Nachwuchs so übervorsichtig ist. Nett zu beobachten, wenn sich bei Groß und Klein die gleichen Neurosen zeigen.

Was ist eigentlich Wahres dran, wenn gesagt wird, nach einem Motoradunfall sollte man sofort wieder aufsteigen, sich also nicht aus der Bahn werfen lassen, geht einmal etwas daneben? Natürlich, das ist mutig. Und viele scheinend er lebende Beweis dafür zu sein, dass man nach einer schlimmen Erfahrung am besten gleich mit Todessehnsucht gleichem Verhalten reagieren sollte. Extrem-Sportarten werden wahllos aneinander gereiht, die Sucht nach dem Adrenalin-Kick wird wahrlich eine Sucht.

Je gefährlicher umso reizvoller – auch hier gilt die Devise, je krasser, umso besser. Ein bisschen mehr geht immer. Die Sehnsucht nach Leben scheint hier zu sprechen, immer wieder sucht man nach der Bestätigung dafür.

Ewig ruft der Nervenkitzel wie bei anderen die sicheren vier Wände und das ständige Händewaschen – gar mit Mundschutz wird schon durch die Städte gelaufen. Katastro-phenmeldungen über S.A.R.S., Vogelpest, Schweinegrippe, (Verschwörungs-)Theorien über hausgemachte Viren, Meldungen zu biologischen Kampfstoffen: Ein gefundenes Fressen für Ängste, wird doch der Überlebensinstinkt gekitzelt. Das Schöne an der Angst: Sie ist fast wie ein perpetuum mobile, sie braucht nicht mal Nahrung aus echtem Eintreten des Befürchteten, die Gedanken auf die Eventualität zu richten, reicht vollkommen bei machen aus.

„Nur dass wie du paranoid bin, heißt das nicht, dass sie nicht hinter mir her sind“, so ein beliebter und bekannter New Age-Spruch. Und so wird auch die Politik argwöhnisch und ohne auch nur einen Funken Vertrauen beäugt, Beispiele für die Falschheit und Bösartigkeit gab es in der Vergangenheit hier allemal genug. Es wird munter gemordet, gelogen, veruntreut, das Volk verschaukelt, dominiert, unterdrückt, die Presse gekauft – hinter jedem Busch sitzt ein Räuber.

Der eine regiert gelassen, nimmt´s mit Humor, denn wenn Gott durch einen Bush spricht, soll er ihn bitte das nächste Mal brennen lassen. Diese und jene Witzeleien die-nen oft dazu, das eigentliche Unwohlsein zu vertuschen, sich selbst zu beruhigen. Schwarzer Humor und Zynismus sind ganz groß geschrieben.

Und dabei war es ein Politiker, der sagte: „Das einzige, das wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.“

EV

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