ASP – Nische oder Nietzsche – das ist hier die Frage

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Das neue Scheibchen von ASP, “Verfallen, Folge 1: Astoria“, ist mal wieder schlichtweg der Hammer. Anders kann man es nicht sagen. Sänger und Mastermind Alexander Spreng freut´s natürlich, daß die Platte ankommt und vor allem, daß sich so manche auch diesmal auch nicht so eingefahren und eingeschossen zeigen, wie man es bei einem Konzeptalbum manchmal schon erlebt hat. Da wird schon mal ob der eventuellen Anstrengungen, sich hinein zu finden, ab und an schnell abgewunken und abgeurteilt. Und genau das gefällt ASP bisher auch an den Reaktionen auf „Verfallen“ – und bringt so manches fein und elegant auf den Punkt.

„Die Reaktionen sind insgesamt sehr, sehr positiv. Der Großteil unserer Fans ist von ‘Astoria‘ begeistert, auch wenn die einhellige Meinung ist, daß man sich für das Album etwas Zeit nehmen müsste. Aber hey, das ist ja bei Konzeptalben im Allgemeinen so und bei ASP-Alben sowieso. Die Presse reagierte bisher überraschend aufgeschlossen. Das alles ist sehr angenehm, denn ich selbst bin überglücklich mit Teil 1 von ‘Verfallen‘“, und steht damit wie bereits erwähnt, nicht alleine da.

„Da freut man sich natürlich, wenn andere Leute das auch so sehen. Ich schaue beim Produzieren eines Albums nicht nach links oder rechts und mache ganz stur das, was mir richtig und wichtig erscheint. Dieses Vorgehen birgt natürlich immer die Gefahr, dass der mehr oder weniger geneigte Hörer mit Veränderungen in ‘seinem geliebten ASP-Sound‘ rechnen muss. Aber nur so kann man sich weiter entwickeln.” Dem ist wohl wahr. Interessant ist natürlich auch die Background-Story zu „Verfallen“, basiert die Idee auf der Geschichte „Das Fleisch der Vielen“ und ASP bringt dazu auch ein bißchen Licht für uns Dunkeltappser. Und daß ASP schon mal mit literarischen Ideen liebäugeln, auch anderen Künsten (Thema Comic) nicht abgeneigt sind, weiß man als Fan eh.

asp 2„Die Kurzgeschichte von Kai Meyer erscheint zunächst ausschließlich in der ‚Limited Novel Edition‘ unseres Albums, das ist richtig. Kai und ich kennen uns schon seit vielen Jahren. Die Idee, ein wie auch immer geartetes gemeinsames Projekt zu machen ergab sich aus vielen angenehmen Plaudereien über gemeinsame literarische Vorlieben.” Somit: Anfang gemacht und weiter geht´s im Text:

„Zunächst entwickelte sich daraus ein gemeinsamer Auftritt beim M’era Luna Festival, bei dem Kai aus seinen Büchern las und ich mit meinem Gitarristen Sören zwei Stücke mit Kai Meyer-Bezug vortrugen. Die Idee, eine Gruselstory in einem realen Schauplatz in Deutschland spielen zu lassen, ergab sich bei einem weiteren Treffen und es war Kai, der das Hotel Astoria in Leipzig vorschlug. Schließlich war es dann soweit: Kai schrieb ‘Das Fleisch der Vielen‘ und als ich es las, wusste ich genau, was ich machen wollte. Ich wollte eine Art Vorgeschichte erzählen, wie es zu dem Grauen überhaupt kam, welches sich in Kais Story im Hotel Astoria manifestierte.”

Kreative Köpfe sind kreative Köpfe und dabei muß sich der Ideenreichtum ja nicht immer nur ausschließlich auf eine Kunst-Plattform beziehen und man sich von selbiger auch inspirieren lassen. Ergo: Literarische Vorlagen einzubinden bzw Ideen auch auf andere Kunstbereiche überschwappen zu lassen und/ oder einzubinden, ist ja nichts vollkommen Neues bei ASP. Dabei stellt sich auch die Frage, warum solche Herausforderungen und Verknüpfungen derart faszinieren können.

“Eines meiner Hauptanliegen ist, daß die Musik trotz der großen textlichen Last, die sie manchmal zu tragen hat, auch funktioniert. Dafür muss man sehr gewissenhaft und mit viel Liebe zum Detail an den Songs feilen. Und man muß den Mut besitzen, sich von allgemeingültigen Vorgaben der Populärmusik ein Stückweit zu lösen, inhaltlich und formal. Musikalische Konzeptalben sind außerdem in Zeiten, in denen sich der Konsument meist einzelne Songs auf den Digitalplattformen zulegt, natürlich zunehmend schwieriger überhaupt noch an den Mann zu bringen. Alben als Gesamtkunstwerke, das sind Nischenprodukte. Aber ich fühle mich dennoch gut aufgehoben, solange es noch Leute gibt, die ASP-Alben genießerisch goutieren, sich die Zeit für so ein Abenteuer nehmen.”

In einigen Studien kann man nachlesen, dass gerade solche Themen,asp 1 Horror jeglicher Form in ihrer Darstellung die Menschen allgemein eben anziehen und dadurch aber auch eine Art „Anrauen“ der Psyche zu einer gesteigerten emotionalen Auffassung der zugrunde liegenden Thematik, des Sinns einer Geschichte etwa, führt. Zum anderen hält die menschliche Psyche hält ja eine Menge Abgründe bereit. Hält es ASP da eher mit Nietzsche („wer zu lang in den Abgrund blabla…“) oder braucht es eigentlich gar nicht der expliziten Auseinandersetzung mit manchen Dingen, um die Psyche entsprechend zu polen? Und es war sowas von klar, daß diese Frage einen Schmunzler folgen läßt.

„Ich halte es nicht mit Nietzsche, der kommt mir zu egozentrisch daher, kicher. Die menschliche Psyche hält natürlich Abgründe bereit, aber es ist fraglich, ob unser gesamtes Dasein darin bestehen muss, Brücken über sie zu bauen oder an ihrem Rand dahin zu kriechen. Das Beschäftigen mit Ängsten schärft an sich die Sinne. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit kann das Leben im Hier und Jetzt positiv beeinflussen.
H.P. Lovecraft sah jene Horrorliteratur, die sich mit einem fremden, unbekannten Grauen beschäftigt als die reinste und gelungenste Form dieser literarischen Gattung an. Eine Meinung, die, für mich, viel für sich hat. Zwar kann ich nicht uneingeschränkt zustimmen, aber in ‘Verfallen‘ habe ich es mir zum Ziel gesetzt, ein solches Grauen heraufzubeschwören. Ich will nicht zu viel vom Grande Finale vorwegnehmen, aber wir werden in der Fortsetzung einige Haken schlagen und herausfinden, dass doch alles ganz anders ist, als „Astoria“ zunächst vermuten lässt.”

Dabei halten es ASP wie – naja, wer eigentlich? Da folgt ein rockiger Reißern der anderen Hintergründigkeit, daß es eine wahre Pracht ist. Und die Aussage sollten sich auch so manche hinter die Lauscher schreiben: „Entertainment und Tiefgründigkeit müssen sich nicht ausschließen. Das war seit jeher unser Anspruch. Emotionale Nachvollziehbarkeit trotz schwer konsumierbarer Inhalte ein anderer. Man darf Spaß haben, tanzen und singen. Der Rest kommt dann von ganz alleine dazu.”

Kunst, und im Speziellen Musik, kann ein mehr als treuer Freund sein, wissen wir alle. Stimmung heben, trüben… um es vorsichtig auszudrücken. Selbst als DJ kann man Massen beeinflussen, wenn man ein bisschen Gespür und Empathie an den Tag legt. Kunst in den richtigen Händen ein Segen, in den falschen ein Fluch? Die psychologische Auswirkung von Musik als wissenschaftlicher Sektor behandelt sieht, auch die Einflussnahme auf Traumverhalten steht dabei im Interessenspunkt.

asp gross“Hm, ich bin vielleicht nicht der Richtige für die Beantwortung solcher Fragen, da ich das meiste aus dem Bauch heraus kreiere, nicht mit dem kalten Skalpell des Intellekts. Aber natürlich empfinde ich Musik und jede Form der Kunst als machtvolles Instrument, welches dem Künstler Einfluss schenken kann und daraus resultierend auch eine Verantwortung auferlegt. Die therapeutischen Wirkungen von Musik sind mittlerweile hinreichend bekannt, allerdings beschäftige ich mich auf wissenschaftliche Art sehr wenig damit. Ich habe instinktiv seit meiner Kindheit Musik als emotionalen Ausgleich installiert, auch als regulative Kraft. Ich habe früh gemerkt, dass melancholische Musik mich zum Beispiel nicht trauriger macht, sondern dafür sorgt, dass ich mich aus Tiefs schneller befreien kann. Sie wirkt wie ein Lift, der mir hilft die Treppen nicht gehen zu müssen. Diese Erkenntnis hat dafür gesorgt, dass ich mich auch der eher düsteren, traurigen Seite der Musik verschrieben habe. “

Naja, aber manchmal stellt man sich schon die Frage, ob sich ein Künstler nicht auch seelisch mehr zumuten muß, um entsprechende Tiefe zu transportieren. Übrigens, sehr witzig: Schmetterling – altgriechische Übersetzung: Psyche. ASP und der schwarze Schmetterling, dabei fällt einem natürlich auch der musikalische Zyklus ein… ist echtes Künstlerdasein nun zu verstehen als Empathie vs Schauspielerei? Auf jeden Fall scheint ASP das mit der Übersetzung noch nicht so ganz auf dem Schirm gehabt zu haben.

„Hmmm. Tut mir leid, aber da muß ich passen, aber ein interessanter Hinweis, mit dem ich mal gerne beschäftigen werde. Ich bin kein Psychologiestudent oder gar -professor. Ich bin nur Rockmusiker, und als dieser versuche ich natürlich möglichst die Menschen emotional zu berühren. Auf der Bühne braucht es beides: Empathie und Schauspielerei. Die Schauspielerei dient als Übersetzer, denn nur die größeren Gesten spürt man auch noch in der letzten Reihe des Konzertsaales. Es ist eine gesunde Form des Pathos, das so viele Leute Nase rümpfend von oben herab beäugen. Dabei braucht man es: Großes Theater für filigrane, zerbrechliche Gefühle. Aber das ist nur eines von vielen funktionierenden Systemen, es gibt auch andere Konzepte. Es ist nur eben das, womit ich am besten arbeiten kann.” EV

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